Das Image des Weltreisenden

Egal wo ich hinschaue, ich werde mit Reiselust, Reiseberichten und den Plätzen, „die ich unbedint vor meinem Tod gesehen haben muss“ totgeschlagen. Ich öffne Facebook, Blogs, Twitter und da warten sie schon auf mich. Die Reisetagebücher, Urlaubsfotos, „Wie-ich-zu-mir-selbst-fand“ Reiseberichte, Food Porns, Fotos mit gequält grinsenden Einheimischen und fancy „Dschungeloutfits“. 10 Dinge, die ich unbedingt wissen muss, wenn ich Backpacking durch Südostasien mache, gefolgt von Geheimtipps und der Empfehlung, denn wer sich wirklich weiterentwickeln will, der muss alles hinter sich lassen, und ohne Geld als Backpacker mindestens ein Jahr in der Wildnis überleben.

Es wird von einem Land zum nächsten gehetzt, nur damit man zuhause eine weitere Stecknadel auf das Weltkarten Poster setzen kann.

„Die Welt ist mein Zuhause“ und sag mir schon gar nicht, was du gelernt hast, mich interessiert nur, wie viel du gereist bist… Ich gebe zu, ja, auch ich liebe Reisen, ich bin viel gereist und hoffe, dass ich auch in der Zukunft noch Länder entdecken kann.

Aber der typische Backpacker, Alleswisser, Interkultureller mit der Welt als Zuhause ist Mainstream geworden. Mir fehlt das Herz, die Seele dahinter. „Wie viele Facebook Freunde aus anderen Ländern hast du denn eigentlich?“ Und dann läuft Mark Foster im Radio:

…“Auf Wiedersehen, auf kein
Ich habe meine Sachen gepackt ich hau rein
Sonst wird das für mich immer nur diese Traum bleiben
Ich brauch Freiheit, ich geh auf Reisen
Ich mach alles das was ich verpasst hab
Fahr mit nem Gummiboot bis nach Alaska
Ich spring in Singapur in das kalte Wasser
Ich such das Weite und dann tank ich neue Kraft da“…

Der, der am meisten gereist ist, gewinnt. Setzt die anderen Schach Matt. Egal wie viel er von seinen Reisen mitgenommen hat (neben den Instagram Fotos natürlich). Je ausgefallener, desto besser.

Doch die Probleme verschwinden nicht mit einem Ortswechsel. Im Gegenteil, in einer fremden Umgebung und anderen Menschen, die euch nicht kennen, werdet ihr nur um so mehr mit euren Schwächen konfrontiert….wenn ihr denn die Zeit habt, Euch  darauf einzulassen. Wahrscheinlich nicht, denn die Fotos müssen ja noch bearbeitet werden, bevor sie online kommen.

Was ist denn Reisen heute? Wo ist die Seele des Reisens hin?

Es wird kulturelle Sensibilität gepredigt, Verständnis für fremde Menschen, aber es wird penibel drauf geachtet, seine Ausrüsting in Deutschland fein und säuberlich anzuhäufen, die Trekking Schuhe werden demonstrativ nebem dem Deuter Rucksack drapiert, um ja ein schönes Insta-Reise-Vorbereitungsphoto zu schießen. Die heiß geliebten Lonely Planet Reiseführer eingepackt und los gehts.  

„Adieu ihr armen Gestalten, die gefesselt an zu Hause sind, und davon nicht loskommen. Ich entdekce jetzt die Welt“!!

Lieber Tagestrips und fünf Länder in vier, als sich ernsthaft mit dem Umfeld auseinanderzusetzen. Das würde ja sonst nur ein oder zwei Stecknadeln bedeuten und nicht fünf. Schnell die Mainstream Hotel Empfehlung gebucht und schon die Restaurants im Reiseführer markiert, in denen man am besten essen kann.

Ich habe 6 Monate in Asien verbracht. Ich stehe dazu, ich habe während dieser Zeit keine zehn Länder bereist, sondern nur drei. Ich habe keine Food Porns gepostet und nur wenig meiner Reisen dokumentiert. Meine Reisen sind für mich. Sie geben mir persönlich so wahnsinnig viel. Aber dafür sind weder das Hotelzimmer, noch das Hotelessen oder die schicken Restaurants verantwortlich. Es sind die Menschen, die mein Herz berühren. Ich habe die Sprache gelernt. Ich weiß, welche kulturellen Unterschiede in dem Land existieren. Ich habe Einheimische auf ihre Einladung hin in ihrem Zuhause besucht und mich vorher über Riten und Benehmen informiert. Den Alltag anderer Kulturen und Menschen zu erleben und mitzumachen, das gibt einem einen viel tieferen Eindruck. Ich habe bei bei Einheimischen gelebt und gewohnt, mit Ihnen gegessen und den Tag verbracht. Ich habe Freundschaften geschlossen, die ewig halten. Ich habe Ihnen zugehört und auch von meinem Zuhause erzählt. Zu erleben, wie sich verschiedenen Religionen ohne Vorurteile begegnen, wie die Ärmsten den Reicheren ein Geschenk machen, zu erleben, dass Menschlichkeit wirklich existiert und dass die eigenen Sichtweisen vielleicht ein wenig angepasst werden sollten, das ist Reisen. Jedenfalls für mich.

Das Gefühl, dass die eigene Welt nicht unbedingt die Norm aller Dinge ist, sich mit der Mentalität des Landes, der Geschichte und der Religion auseinanderzusetzen, das schafft Persönlichkeit.

Ein weiteres Geständnis. Ja, auch ich hatte Heimweh. Das Leben in einem anderen Land ist eben manchmal nicht ganz so einfach, wie das Reisen in 5 Sterne Hotels für vier Wochen. Der Alltag, nach einer Woche, nach zwei Wochen, nach einem Monat ist das, was dich ein Land erleben lässt. Und es ist nicht immer alles super toll, fancy, befriedigend und insirierend. Wenn ich mit einer dicken Erkältung im Bett liege, in meinem Apartment ohne Heizung, dann denke ich an Zuhause. Wenn ich wieder nichts lesen kann und Schweirigkeiten hab, mir meine Medikamente zu besorgen. Wenn ich nach drei Wochen immer noch wenig zu Essen finde, war mir schmeckt und mir bekommt. Und es ist manchmal nicht so einfach, seinen Alltag ohne saubere Sanitäranalagen zu verbringen. Man gewöhnt sich daran, man lernt daraus. Aber auch das Schätzen des eigenen Zuahuses weit weg, ist eine Sache, die dich weiterbringt. Daran ist nichts Schlechtes. Und an alle Backpacker, Reisevögel, Weltbewohner, die meinen ihr Zuhause ist überall: Entweder seid ihr mit blinden Augen gereist oder es ist wiederum nur eine Selbstdarstellung, wie toll alles ist, mit Palmen im Hintergrund. Macht die Augen auf und lernt vom Leben. Wollt ihr Euer Leben lang kein Zuhause haben? Denn ein Zuhause zu haben ist einer der der schönsten Sachen, die man erleben kann. Habe ich übrigens auch schon in anderen Kulturen gehört 😉

 

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